Web Analytics Tools – Standardsoftware oder Individuallösung?
Ich stelle mir momentan die Frage ob man Web Analytics Tools wie eine Standardsoftware sehen muss oder eher wie ein Stück individueller Software. Vor allem beim Auswahlprozess eines Tools macht das aus meiner Sicht einen entscheidenden Unterschied.
Manche Unternehmen haben wahnsinnig viele Anforderungen und je mehr Leute man fragt umso mehr unterschiedliche Anforderungen erhält man im Katalog. Aber sind wir denn hier bei “Wünsch Dir was”?
Aus meiner Sicht sollte man ein Web Analytics Tool zunächst mal wie ein Stück Standardsoftware betrachten, also genauso wie ein Office oder ein Betriebssystem. Es ist so wie es ist. Standardsoftware unterliegt gewissen Releasezyklen, die bei manchen Herstellern mehmals im Jahr stattfinden und bei anderen wiederum nur alle paar Jahre. Es gibt große Major-Releases und kleine Bugfixes. Alles in allem wird jedoch von dem jeweiligen Produktmanagement eine Strategie verfolgt, die festlegt wo die Reise mit dem Tool hingeht. Dabei spielt Kundenfeedback eine sehr große Rolle, aber nur die Features, die vielen Kunden helfen finden letztendlich auch den Weg in ein neues Release. Standardsoftware hat zudem den großen Vorteil, dass sie leichter zu pflegen ist. Schließlich muss man nur einen Entwicklungsstrang pflegen und von Version zu Version updaten, bzw. migrieren. Das sorgt für Konsistenz in den Installationen und verringert den Wartungsaufwand. Standardsoftware ist zudem viel günstiger, da sie besser skaliert.
Individuallösungen haben den großen Vorteil, dass man genau das bekommt, was man sich gewünscht hat, zumindest in der Theorie. Heutzutage wird nur noch in extrem seltenen Fällen das Rad neu erfunden, eher greift man auf bestehende Tools zurück, die dann für den Kunden angepasst werden. Schaut man sich SAP an, so wird man feststellen, dass keine Installation wie die andere ist. Diese Flexibilität hat aber auch ihren Preis. Man benötigt große Mengen an Entwicklungsressourcen, die sich um den einzelnen Kunden kümmern können. Außerdem muss man detailliert jede individuelle Anpassung nachhalten und dokumentieren. Je weiter man bei den Anpassungen in das System eingreift umso komplizierter wird eine mögliche Migration bei einem großen Release-Wechsel des Basisprodukts. Schaut man auf den Preis, so muss man schon eine fette Brieftasche mitbringen für individuelle Software.
Gut, das bis hierher beschriebene dürfte jedem bekannt sein, der sich ein wenig mit Software beschäftigt. Vor- und Nachteile liegen auf der Hand. Aber mit welcher Einstellung sollte man nun an die Auswahl eines Web Analytics Tools herangehen?
Aus meiner Sicht gibt es zwei Ansätze. Ich kann zum einen mir die Tools vornehmen und mir anschauen was sie leisten. Dazu gibt es Datenblätter, Dokumentationen und sicherlich auch auskunftsfreudige Mitarbeiter. Diese Informationen nehme ich und entscheide dann mit welchem Package ich wohl mein Geschäft am besten voran bringen kann.
Der andere Ansatz ist die Erstellung einer Liste von Anforderungen ohne dabei auch nur ansatzweise auf das zu schauen, was die Tools anbieten. Man hat die Anforderungen und will diese nun auch erfüllt haben. Damit konfrontiert man dann die Anbieter.
Ich behaupte nun mal, dass nahezu alle Web Analytics Tool mehr einem Standardprodukt ähneln als einer Individuallösung. Sicherlich kann man diverse Dinge anpassen, aber das geht nur in begrenztem Maße. Alle Tools unterliegen einem Produktzyklus und haben eine Strategie, die von einem Produktmanagement gelenkt wird. Denen passt jede Form von Anpassung gar nicht in den Kram, da der Zyklus gestört wird. Was ist aber, wenn nun ein Multinationaler-Mega-Giga-Global-Player-Billiarden-Konzern vor der Tür steht und dem die angebotenen Features gar nicht passen? Der packt seine Anforderungsliste aus und sagt “Haben Wollen!” Außerdem ist dieser Konzern der Meinung, dass seine Featurewünsche doch eigentlich Standard sein müssten und daher auch nicht viel Kosten können. Ist ja nicht seine Schuld, wenn der Anbieter die einfachsten Dinge nicht anbietet.
Ich glaube, dass es in dem zweiten beschriebenen Ansatz nur Verlierer geben kann. Viele Toolanbieter werden sich auf die Anpassungen einlassen, zumindest teilweise. Danach kommen sie aber in vielen Fällen in Not, da Entwicklungsressourcen bei der Entwicklung des Basisproduktes abgezogen werden müssen. Zudem ist die Anpassung nicht ihr Tagesgeschäft und deshalb ist eine Fehlkalkulation und nicht eingehaltene Liefertermine vorprogrammiert.
Der Wünsch-Dir-Was-Kunde ist der noch viel größere Verlierer, denn er steht ja schließlich mit leeren Händen da. Klar gibt es Verträge und Vertragsstrafen, aber die sind doch nur dazu da, damit intern jemand seinen Kopf aus der Schlinge ziehen kann und ihm niemand eine Fehlentscheidung vorwerfen kann. Aber letztendlich wurden die Anforderungen nicht erfüllt, die Enttäuschung ist groß, es wurden viele Monate in einen Auswahlprozess gesteckt und am Ende machen alle eine lange Nase. Von einem System mit dem man arbeiten kann keine Spur.
Was will ich damit eigentlich sagen? Ich glaube beide Seiten, Kunden und Toolanbieter müssen sich mehr aufeinander zu bewegen. Die Kunden dürfen nicht der Meinung sein, dass sie einen Wunschzettel schreiben (auch wenn bald Weihnachten ist) und sich irgendein Anbieter schon findet, der darauf eingeht. Sie müssen viel mehr schauen wie sie die angebotene Software so wie sie ist am gewinnbringendsten einsetzen können.
Die Anbieter von Web Analytics Tools hingegen müssen aus meiner Sicht ehrlicher mit sich selbst im Punkt Anpassung sein. Eine mögliche Individualisierung zuzusagen nur um den Kunden zu gewinnen und dann möglicherweise in Schwierigkeiten zu kommen hilft niemandem weiter. Kunde unzufrieden, Team unzufrieden, Reputation für’n Arsch. Ich bin davon überzeugt, dass kaum ein Toolanbieter in die Hände klatscht und Hurra schreit wenn er Anpassen muss.
Wer auf seine Wünsche hochgradig angepasste Software haben möchte darf meiner Meinung nach nicht mit Web Analytics Anbietern sprechen, sondern muss sich gleich ein System stricken lassen und die entsprechende Zahlungsbereitschaft mitbringen.
Sicherlich ist das ein bisschen Schwarz/Weiss gemalt. Mir ist schon klar, dass es ganz viel dazwischen gibt. Anpassungen sind an der Tagesordnung und Kunden sind auch nicht immer so wie beschrieben. Aber ich würde gerne mal über diese Thematik diskutieren.
Wie seht Ihr das denn generell. Sind Web Analytics Tools Standardsoftware, die man so nehmen sollte wie sie sind oder kann man Individualisierung von allen Tools heute erwarten?
Kategorie: Webanalyse




Hallo Patrick,
“Featureritis” im Auswahlprozess ist ja ein bekanntes leidiges Phänomen. Darüber hinaus glaubt man meistens, dass das eigene Problem speziell ist, aber doch “eigentlich” ganz einfach und mal eben nebenbei zu lösen ist.
Zunächst glaube ich, dass Web Analyse Tools “anzupassende Standardlösungen” sind.
Bei der Auswahl stellt sich immer wieder die Frage “Was will ich eigentlich mit meiner Webseite? Was sind meine Ziele”. Das ist keine neue Erkenntnis, wird aber in den meisten Fällen immer noch nicht gemacht.
Man hat ne Webseite, also muss ein Tool her, mit dem man alles und jedes messen kann. Wir sind ja schließlich im Internet, da geht das doch!
Du hast ganz richtig gesagt: Individualisierung kostet Geld PUNKT! Dieses Geld muss sich RECHNEN.
Es gibt Fälle, da sind Seiten so special erstellt, dass die Messung ein Riesenaufwand ist. Da macht vielleicht sogar Sinn, die Seiten selbst zu ändern, weil es günstiger ist. Meistens gewinnt in diesem Fall die Usability gleich mit.
Oder man misst nicht im klein klein, sondern bleibt bei bestimmten Sachen bewusst blind. Oft schadet das gar nicht, weil eine Anpassung, auch wenn man es weiß, gar nicht machbar ist. Da kann es sogar Sinn machen, weil es vielleicht in einem Jahr eine “anpassbare Standardlösung” für das Problem gibt.
An Tool-Suchende kann man eigentlich nur den Tipp geben: Im Internet (Blogs, Xing, etc.) oder auf Veranstaltungen nach Referenzkunden mit ähnlichen Problemen suchen und sie direkt ansprechen. Mit WASP kann man, auch in der Free-Version, sehen, wer welches Tool benutzt. Der Ansprechpartner läßt sich dann oft recht einfach ermitteln.
Viele “Spezialfälle” sind nämlich gar nicht so special und von den anderen vielleicht schon gelöst worden.