IE8 kommt, welchen Einfluss hat das auf Web Analytics?
Vor wenigen Tagen wurde der Release Candidate 1 vom Internet Explorer 8 veröffentlicht. Das bedeutet, dass ab sofort nur noch Feintuning betrieben wird und der Browser ansonsten von den Features her fertig ist. Im Vorfeld gab es bereits viele Diskussionen zu dem sog. Porn-Mode in dem der User absolut anonym durch die Gegend surfen kann ohne dass irgendwelche Verlaufsdaten oder Cookies gespeichert werden. Der Begriff Porn-Mode hat sich wohl deshalb etabliert, da Mann nun ohne Angst am Familienrechner auf schmutzigen Seiten surfen kann, ohne dass Frau das nachvollziehen kann.
Genau genommen gibt es zwei Modi über die sich die Privatsphäre steuern lässt. Das sog. InPrivate-Filtering ist dazu gedacht Skripte zu blocken, die dazu verwendet werden zielgerichtete Anzeigen an den User auszuliefern. Diese Funktion könnte auch die Tracking-Skripte der Tool-Anbieter blockieren und damit eine Aufzeichnung der Aktivitäten unterbinden.
Der Modus InPrivate-Browsing öffnet dagegen ein neues Fenster in dem keinerlei Plugins aktiviert sind. Alle Seiten, die in diesem Fenster aufgerufen werden hinterlassen absolut keine Spuren auf dem eigenen Rechner.
Auf den ersten Blick ist das natürlich nicht so prickelnd für alle, die gerne das Userverhalten tracken um über die Daten die Webseite zu optimieren. Auf den zweiten Blick halte ich es jedoch für unkritisch. Warum?
1. Sehr viele Webseiten funktionieren heute nur richtig, wenn man Cookies akzeptiert. Wer also in den Porno-Modus wechselt, der wird viele Webseiten nicht mehr mit dem vollen Funktionsumfang nutzen können. Das nervt auf Dauer und dürfte eher dazu führen, dass man diesen Modus nicht aktiviert oder nur dann wenn man bewusst etwas verschleiern will.
2. Man muss die InPrivate-Funktionen erst aktivieren. Der Otto-Normal-Surfer macht sich wahrscheinlich keine Gedanken über irgendwelche Browsereinstellungen. “Icon klicken, Browser starten und los geht’s” dürfte der übliche Weg sein. Auch wenn es sicherlich viele Freunde der InPrivate-Funktionen geben wird, so denke ich nicht, dass die Anzahl groß genug ist um dadurch die Aussagekraft der übrigen Tracking-Daten zu gefährden.
3. Web Analytics ist und bleibt die Analyse von Trends und Verhältnissen. Man benötigt sicherlich eine gewisse Menge an Benutzerdaten um eine verlässliche Aussage treffen zu können, aber bestimmt nicht 100%. Auch wenn nur 70% der User korrekt erfasst werden, dürfte das ausreichen um mit diesen Daten Analysen für die Website-Optimierung zu erstellen.
Etwas anders sieht es wiederum für die PI-Junkies aus, die nur die Reichweite ihrer Site vor Augen haben und diese über die IVW tracken lassen um eine Vergleichbarkeit zu bekommen. Oftmals ist die Anforderung an ein Web Analytics Tool, dass dieses möglichst die gleichen Zahlen liefern soll wie die IVW. Das ist verständlich, aus meiner Sicht aber nicht notwendig. Die IVW misst Reichweite, Web Analytics Tools helfen Websites zu optimieren. Die IVW muss sich demnach Gedanken machen, wie in Zukunft die User getrackt werden ohne, dass zu viele Zugriffe verloren gehen, denn für die IVW-Kunden zählt jede Page-Impression. Für die Web Analytics Anbieter ist es aus den oben genannten Grunden wiederum nicht so kritisch. Bleibt im Grunde nur das Problem, dass evtl. durch modifizierte Trackingverfahren bei der IVW die Differenz zum Web Analytics Tool größer wird.
Von der Modifikation der Trackingverfahren halte ich jedoch ehrlich gesagt gar nichts. Einige Kunden fragen bereits an, was man machen kann um die User auszutricksen. Da kommen dann Methoden wie Flash-Cookies und Reverse-Proxy auf den Tisch. Aber mal ehrlich, wenn ein User nicht getrackt werden will, dann sollte man ihm auch die Freiheit lassen sich von der Zählung auszunehmen. Dazu gehört meiner Meinung nach auch die Möglichkeit eines Opt-Out auf der Website. Viel schlimmer schätze ich den Prestige-Schaden ein, wenn herauskommt, dass ein Unternehmen mit allen Mitteln versucht die User zu tracken und dabei die gängigen und gewohnten Pfade verlässt. Projekt Eichhörnchen lässt grüßen
Ich denke wir können dem IE8 ganz gelassen entgegen sehen. Aus User-Sicht bringt er viele Vorteile und das Wohl der User sollte doch weiterhin im Mittelpunkt stehen.
Kategorie: Webanalyse




Schöner Text, Patrick! Bleibt mir noch anzumerken, das auch eine IVW schon länger darüber nachdenkt Ihre Zählweise umzustellen und keine PI mehr als erste Metrik auszuweisen; sondern vielmehr eine Uniques User Zahl oder eine Zahl wie User/Tag o.ä.
Ich sag es mal überspitzt: Ein TKP-Geschäft im Internet wird auf kurz oder lang ins Hintertreffen geraten, da immer mehr Firmen zum Performance Marketing (CPO/CPA) umsteigen. Solange allerdings die “großen” PI-Portale Ihre TKP-Cashcow melken können werden sie auch fleissig bei der IVW Lobbyarbeit leisten, damit auch in Zukunft PI-Schleudern wie Bildergalerien oder Online-Quizzes ordentlich “Clicks” bringen und im IVW Ranking entsprechend honoriert werden. Als Zwischenschritt wäre ja mal ein TUUKP (Unique User) denkbar.
Aber ich schweife ab; ich habe auch keine Angst vorm IE8. Web Analytics funktioniert (im Zweifel) auch mit 60% der User; es haben nur nicht alle verstanden das ein WebAnalytics Tool eben zum Trendmessen da ist und nicht zum PI-Zählen oder schlimmer noch: Zum Gegenrechnen eingekaufter Marketingaktionen. So, genug für heute
Ich schließe mich dem Kommentar von Jens an. Kleine Ergänzung meinerseits – der Google Chrome Browser verfügt auch über den Porn-Mode. Beim IE8 wird dieser aufgrund der sicherlich höheren Verbreitung aber bestimmt mehr in den Focus und in die Presse kommen als bei einem Nischenbrowser wie Chrome…ich schließe mich aber vollkommen Patricks Meinung an, kaum ein “normaler” Nutzer weiß überhaupt, warum Einstellungen vorgenommen werden sollten geschweige wissen wie es geht. Frag mal Leute auf der Straße was bei der Google Suchergebnisseite der Unterschied zwischen rechter und linker Spalte ist…
Absolut richtig von allen. Eine Frage habe ich aus Neugier:
Weiß jemand, ob Mozilla sowas auch anbieten wird, denn laut “Statistik” wird ja IE ohnehin immer weniger eingesetzt?
Die IVW denkt irgendwie schon seit ich sie kenne darüber nach, ob man nicht a) das Verfahren oder b) die maßgeblichen ausgewiesenen Metriken ändern sollte.
Und die WA-Kunden wollen schon seit ich Software verkaufe, dass die Zahlen möglichst nah an den “richtigen” (!!!) IVW Zahlen dran sind.
Ich schätze, beides wird erst mal so bleiben. Und zunächst bezweifle ich auch einfach mal, dass der zuständige IVW Ausschuss überhaupt überblickt, was “InPrivate” grundsätzlich und für sie im speziellen bedeuten könnte.
Davon abgesehen: Man müsste mal einen Abgleich machen zwischen denjenigen Usern, die aufgrund von Browsereinstellungen und Stealth-Mode nicht oder nur unzureichend gemessen werden können und den Abverkäufen oder sonstigen Konversionen auf der Website. Möglicherweise stellt sich bei manchen Sites raus, dass die Tarnkappen-User die besten Kunden sind … das wäre natürlich blöd. Von daher wird wohl leider keiner für seine Site eine solche Auswertung veröffentlichen.
“Vom Feeling her hab ich das Gefühl”, dass der Porn-Mode aber tatsächlich hauptsächlich für eben diese Surferei genutzt werden wird. Patrick: Zum Wohle des Nutzers
Grundsätzlich denke ich aber auch, dass eine Grundgesamtheit von 2/3 der User wahrscheinlich vernünftiges Analysieren möglich macht. Kommt aber darauf an, wo man ansetzt (zb Online Marketing, Media Analytics, oder erst wenn User auf der Site ankommt) und wo man aufhört (Exit-Links oder CRM, Kundendatenbank). D.h. reines Onsite-WA oder unter Einbeziehung des kompletten Umfeldes.
Viele Systeme – insbesondere wenn unterschiedliche Datenquellen gemergt werden müssen – basieren so fundamental auf 3rd Party Cookies, dass sich hier bestimmt Probleme auftun werden.